Soziale Intelligenz bei Hunden?

Es gibt viele Formen der Intelligenz.

Die menschliche Empathiefähigkeit wird schon seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gründlicher untersucht und ist von der modernen Hirnforschung seit einiger Zeit wieder stärker in den Fokus gerückt worden (vgl. Gehirn & Geist (12/2007).

Gibt es diese Fähigkeiten auch bei Hunden? Wie kann man sie untersuchen? Sind die Ergebnisse valide? … Diese Fragen stellen sich, auch wenn es allgemein bekannt ist, dass viele Hunde sehr intelligent sind.

Mit diesen und ähnlichen Fragen setzt sich der Etologe Clive Wynne in seinen Forschungen und Publikationen auseinander.

Dog is Love

Unter anderem geht er in seinem Buch “… und wenn es doch Liebe ist?” dieses Thema an. Es wurde im Jahr 2019 unter dem Originaltitel Dog Is Love: Why and How Your Dog Loves You in Boston veröffentlicht. Wynne, der seit seiner Kindheit von Hunden fasziniert ist, bezieht in dieser sehr heiklen und umstrittenen Diskussion Stellung.

Vielleicht weckt der folgende Auszug aus der deutschen Übersetzung Ihr Interesse an diesem Thema.

” … In den späten 1990er Jahren, als es danach  aussah, dass die Forscher die willig zu ihren Füßen ruhenden Subjekte beinahe vollkommen ver­gessen hätten, erweckten zwei Wissenschaftler das Interesse an der Psy­chologie von Hunden zu neuem Leben, indem sie unabhängig voneinander neue Sichtweisen auf das Verständnis dieser Spezies und seiner besonde­ren Beziehung zu Menschen warfen. Ádám Miklósi an der Eötvös Lorand Universität im ungarischen Budapest und Brian Hare, damals Student an der Emory University in Atlanta, Georgia (heute Professor an der Duke University in North Carolina), kamen aus vollkommen unterschiedlichen Backgrounds, aber zu der gleichen Schlussfolgerung: Dass Hunde eine einzigartige Form von Intelligenz besitzen, die es ihnen ermöglicht, mit Menschen so auszukommen, wie kein anderes Tier es fertigbringt.

Ursprünglich Versuche bei Schimpansen

Hare hatte zu Beginn gar nicht die soziale Intelligenz von Hunden er­forscht, sondern die von Schimpansen. Weil sie unsere nächsten leben­den Verwandten im Tierreich sind, sind Schimpansen die natürliche An­lauf-Spezies für jeden, der sich dafür interessiert, was die menschliche Kognition so einzigartig macht. Hare war fasziniert von dem uralten Rät­sel, was genau Menschen so sehr aus dem Tierreich hervorstechen lässt. Spätestens seit Darwin hatten sich Wissenschaftler herauszufinden be­müht, was genau den Unterschied zwischen dem menschlichen Verstand und dem anderer Spezies ausmacht. Eine typische Herangehensweise an diese Frage lautet: Wenn du meinst, etwas gefunden zu haben, das nur Menschen können, dann teste es an Schimpansen; und wenn Schimpansen es nicht können, ist es unwahrscheinlich, dass irgendeine andere, nicht so eng mit dem Menschen verwandte Art es können sollte.

Soziales Verstehen

Zu dieser Zeit testete Hare gerade auf eine Fähigkeit, die uns Menschen sehr simpel erscheint. Wenn ich im Gegensatz zu Ihnen weiß, wo etwas für Sie Begehrenswertes versteckt ist, kann ich Ihnen den Ort mitteilen, indem ich mit meiner Hand darauf zeige. Hare wollte herausfinden, ob dies eine nur beim Menschen vorkommende Form des sozialen Verstehens ist oder ob auch Schimpansen die Bedeutung einer einfachen Zeigegeste verstehen könnten.

Hares Experiment  war einfach. Er stellte zwei Becher  umgedreht hin­ter eine Sichtschutzwand, sodass der Schimpanse  sie  nicht sehen konnte, und versteckte ein Stückchen Futter unter einem von ihnen. Dann nahm er den Sichtschutz weg und zeigte auf den Becher mit dem versteckten Fut­ter. Wählte nun der Schimpanse den Becher mit dem Futter darunter, legte das nahe, dass er die Bedeutung der menschlichen Geste verstanden hatte. Wie sich herausstelle, wählten Hares’ Schimpansen die Becher mehr oder weniger zufällig aus. So leicht die Aufgabe auch klingt, für sie war es anscheinend zuviel verlangt.

Hunde erfolgreicher als Schimpansen?

Hare fand das Versagen der Schimpansen merkwürdig, weil er sicher war, dass sein Hund zuhause die gleiche Aufgabe mit Leichtigkeit lö­sen könnte. Als er genau das zu seinem Mentor Michael Tomasello sag­te, versicherte dieser ihm, dass nicht die geringste Chance dafür bestünde, dass ein Hund mit walnussgroßem Gehirn Erfolg bei einerAufgabe haben könnte, an der Schimpansen gescheitert waren.

Und so kam es dazu, dass Hare beim nächsten Mal, als er mit Oreo, dem Hund seiner Kindheit, zusammen zuhause war, in der Garage sei­ner Eltern stand – mit zwei umgedrehten Bechern, einer rechts und einer links von ihm. Sein Hund wartete geduldig, während Hare ein Stück Fut­ter unter einem Becher versteckte und bei dem anderen Becher nur so tat. Dann zeigte er auf den Becher mit dem Futter und Oreo trottete ohne je­ des Zögern geradewegs zum richtigen.

Hare war davon überzeugt, dass sein Hund nicht einfach nur erschnüf­felte, wo das Futter versteckt war. Schließlich wusste Oreo, wenn Hare zwischen beiden Bechern stand und auf keinen von ihnen zeigte, nicht, wo er hingehen sollte. Es sah wirklich danach aus, als ob Oreo in der Lage war, Hares Zeigegeste zu verstehen – was bedeutete, dass das kleinhirnige Familienhaustier dort Erfolg hatte, wo der mit viel größerem Gehirn aus­ gestattete und engere Verwandte des Menschen, der Schimpanse, geschei­tert war. …”

Aus: Clive Wynne, “… und wenn es doch Liebe ist?, Nerdlen 2019, S. 23f.

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